Dokumentation Kongress 2022

Oh, Corona! Vom Kleinen zum Großen …

Die Welt hat den Atem angehalten. Jetzt muss sie das Atmen wieder neu erlernen, wie es scheint. Die vergangenen Monate – mittlerweile Jahre (!) – haben uns erneut vor Augen geführt, wie verwundbar und gleichzeitig abhängig voneinander wir stets sind. Alles hängt eben mit allem zusammen. Untermauert auch der Philosoph Markus Gabriel, zu finden etwa in meinem aktuellen Buch Mehr Nichts!: „Nach der virologischen Pandemie brauchen wir nun eine metaphysische Pan-Demie, eine Versammlung aller Völker unter dem uns alle umfassenden Dach des Himmels, dem wir niemals entrinnen werden.“

Und so haben wir das Programm unseres Kongresses ganz der Frage gewidmet, wie aus dem Kleinen, aus dem individuellen Selbstbezug, auch einer Praxis von Meditation und Achtsamkeit, schließlich transformative Prozesse im Großen angeschoben und begleitet, ja sogar initiiert werden können: am Arbeitsplatz, in Kultur und Gesellschaft, selbst in „planetaren“ Zusammenhängen.


Was braucht es nun? Was ist überhaupt eine Transformation? Und welche ethischen, moralischen, sozialen, aber genauso therapeutischen und medizinischen Aspekte – oder Konsequenzen – wären zu beachten? In unserer Kongress-Dokumentation geben die Beitragenden unseres Kongresses 2022 erste Antworten. 


Lassen Sie sich inspirieren!


Univ.-Prof. Dr. med. Tobias Esch

Vorsitzender des Wissenschaftlichen Kuratoriums des Kongresses Meditation & Wissenschaft 

Begrüßung durch die Veranstalter

Dr. Ulrich Freiesleben, Identity Foundation
Dr. Cai Werntgen, Udo Keller Stiftung Forum Humanum

Achtsamkeit ist mehr als ein Trostpflaster

Wie aus Meditation wirkliche Resilienz wird

In den vergangenen 20 Jahren haben Meditation und Achtsamkeit erst in der Medizin und inzwischen auch in weiteren Teilen der Gesellschaft eine Welle der Popularisierung erfahren. In der Behandlung von Depressionen wirkt das Meditieren bei manchen Patienten ebenso gut wie eine Medikation. Und als konventionelle Therapien begleitendes Angebot kann Achtsamkeit die Psyche von Erkrankten wesentlich stärken. In einer Repräsentativbefragung anlässlich des Kongresses Meditation & Wissenschaft 2016 bekundete ein Viertel aller Deutschen, sich für Meditation zu interessieren. Womöglich sind es seitdem mehr geworden, denn gerade auf dem Höhepunkt der Pandemie verging kaum eine Woche, in der die Medien nicht darauf verwiesen, wie Achtsamkeit in Krisenzeiten die Resilienz zu verbessern vermag. Die nun häufiger werdenden Studien zu den psychosozialen Folgen der Corona-Krise zeigen aber auch, dass es so einfach vielleicht doch nicht ist. Und dass »mal eben ein bisschen meditieren« zwar zu momentanem Wohlbefinden führen kann, aber vielleicht eher ein Trostpflaster ist denn ein wirklicher Change Maker.

»Wir müssen von haltlosem Konsum und (Selbst-)Ausbeutung wegkommen, zurückfinden zur Reduktion auf eine befreiende ›Leere‹.«

Tobias Esch

Der Mediziner und Gesundheitsforscher Tobias Esch etwa spannt den Bogen sehr weit, wenn er die gegenwärtige soziokulturelle Situation betrachtet: »Unsere Gesellschaft steckt in einer Krise von Überangebot und Beschleunigung. Nach Corona wird dieses sinnentleerte Streben nach Mehr nun kollektiv infrage gestellt: Wir müssen von haltlosem Konsum und (Selbst-)Ausbeutung wegkommen, zurückfinden zur Reduktion auf eine befreiende ›Leere‹. Im Mittelpunkt der Debatte steht die Medizin. Analoge Befunde – das Paradoxon von beobachtbarem Mehr und benötigtem Weniger – finden sich jedoch in wesentlichen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens: in Glauben und Achtsamkeit, Politik, Klima, Ökologie und Ökonomie.« 


Buch-Tipp: Mehr Nichts! Warum wir weniger vom Mehr brauchen von Tobias Esch

Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute so nah ist
Zen oder die Kunst, die Zukunft als Gegenwart zu gestalten

Einführung in den Kongress

Dr. Alexander Poraj
Zen-Meister, Mitglied der spirituellen Leitung des Benediktushofes, Vorstand West-Östliche Weisheit Willigis Jäger Stiftung, Holzkirchen

Bewusstsein ist politisch

Warum individuelle Transformation zu kurz greift

Geraume Zeit wurde Achtsamkeit vor allem als eine Methode des persönlichen Wachstums betrachtet. Nach dem Motto: Wer meditiert, tut sich selbst etwas Gutes, wird womöglich sogar leistungsfähiger und resilienter. Wo eine solche Betrachtung in therapeutischen Kontexten bei der Behandlung einzelner Patienten noch Sinn machen mag, greift sie jedoch im Hinblick auf die Tatsache, dass wir soziale Wesen in größeren gesellschaftlichen Kontexten sind, zu kurz. Je größer der Achtsamkeits-Hype beispielsweise im Business wurde, umso lauter wurden auch die Stimmen, die davor warnen, dass der Einzelne systemische Zwänge nicht einfach wegmeditieren kann. Womöglich müssen Arbeitende gar nicht stressresistenter werden, sondern die Arbeitswelt schlicht wieder menschlicher? Es ist ein Perspektivwechsel, der auch im Hinblick auf die großen gesellschaftlichen Fragen und Meta-Krisen unserer Zeit immer offensichtlicher wird.

»Eine einseitige Ausrichtung auf das personale Bewusstsein entpolitisiert den Transformationsprozess.«

Stefan Brunnhuber

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Der Mediziner und Nachhaltigkeitsexperte Stefan Brunnhuber etwa weist darauf hin, wie wesentlich das »Eingebettet-Sein in einen größeren – planetarischen und spirituellen – Gesamtzusammenhang« ist. Als Mitglied des Club of Rome und der Lancet Covid-19-Commission »Green Recovery« tritt er dafür ein, Spiritualität und gesellschaftlichen Wandel zusammen zu denken: »Eine einseitige Ausrichtung auf unser personales Bewusstsein im Transformationsprozess, sei es noch so kritisch und integral, birgt die Gefahr, dass wir die Last der Transformation auf den Einzelnen verlegen. Es ist dann der Einzelne, der mit seinen Lebensstil-Modifikationen die anstehende Veränderung stemmen muss. Zudem entpolitisiert eine einseitige Ausrichtung auf das personale Bewusstsein den Transformationsprozess. Transformation wird dann singularisiert und vereinzelt.« Im Zusammenspiel von Wissenschaft und Mystik sieht er einen wesentlichen Beitrag sowohl für unser gesellschaftliches Zusammenleben als auch für die persönliche Individuation. 


Selbst- und Welt-Modelle der Achtsamkeitsbewegung
Zwischen Selbstermächtigung und politischer Sprachlosigkeit

Dr. Jacob Schmidt
Kollegiat des Graduiertenkollegs „Modell Romantik“ an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Mitarbeiter Bündnis 90/Die Grünen im Brandenburger Landtag

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Achtsamkeit, Krisenbewältigung und Moral
Umgang mit existenziellen Herausforderungen

Prof. Dr. Myriam N. Bechtoldt
Diplom-Psychologin, Professorin für Leadership, EBS Universität für Wirtschaft und Recht, Oestrich-Winkel

Zum Verhältnis von Wissenschaft, Religion und Bewusstsein
Innenansichten eines Psychiaters

Prof. Dr. Dr. Stefan Brunnhuber
Chefarzt und ärztlicher Direktor am Fachkrankenhaus Zschadraß der Diakonie Kliniken Zschadraß, Mitglied der Lancet COVID-19 Commission „Green Recovery“

Meditation ist aus individueller Sicht ein erster Schritt, zu mehr Präsenz im größeren Ganzen zu kommen und dem, was ist, wirklich zu begegnen. Es geht um Wagnisse - und vielleicht sogar um Verzicht. Und darum, neue Wege zwischen Selbstermächtigung und politischer Sprachlosigkeit zu beschreiten. Denn unsere Zukunft entsteht vor allem dort, wo es gemeinsam gelingt, Zwischenräume zu eröffnen, in denen Neues keimen kann, womöglich auch ein besseres Morgen

Der Kongress wird unterstützt von

Awaris Buddhismus aktuell BDY Ethik heute evolve Forum Achtsamkeit info3 Maas MBSR Verband Moment by Moment Sein Steffen Lohrer Stiftung Stiftung Rosenkreuz Tattva Viveka Ursache Wirkung Visionen
   

Wie Meditation Beziehungen stiftet

Mit Achtsamkeit über das getrennte Selbst hinauswachsen

Lange Zeit lag der Fokus der Meditationsforschung vor allem darauf, Methoden der Innenschau im Hinblick auf ihre stressreduzierende Wirkung zu betrachten. Für viele Menschen ist heute das Sitzen in der Stille ein wunderbarer Weg, einmal richtig abzuschalten und sich aus dem Trubel des Tagesgeschäfts in sich selbst zurückzuziehen. Dabei gerät leicht aus dem Blick, dass wir in einer Kultur, die so stark auf individualistische Bestrebungen baut wie unsere, eigentlich auch mehr Miteinander gut vertragen könnten. Die meisten drängenden Fragen unserer Zeit mögen uns zwar in unserem persönlichen Leben betreffen, doch liegen ihre Ursachen - und erst recht ihre Lösungen - in einem komplexen Beziehungsgeflecht. Wie gehen wir miteinander um? Welche Beziehungen pflegen wir zu unserer lebendigen Mitwelt? Wie gestalten wir unsere sozialen und gesellschaftlichen Systeme? Fragen wie diese lassen erahnen, wie schmal der Grat ist zwischen einer regenerierenden Stille und einem Rückzug ins Private, der das Selbst isoliert. Wie kann Achtsamkeit hier neue Verbindungen schaffen?

Unsere Beilage zum Kongress

mit Interviews mit Liane Stephan und Gert Scobel sowie weiteren spannenden Impulsen ausgewählter Beitragender des Kongresses hier zum kostenlosen Download

Anne Böckler-Raettig, Professorin am Institut für Psychologie der Universität Hannover, hat die unterschiedlichen Wirkungen verschiedener Meditationsformen untersucht und dabei festgestellt, dass die Fokussierung auf den Atem, die die Konzentration und Aufmerksamkeit stärkt, in Verbindung mit weiteren Perspektiven einen wesentlichen Beitrag zu unserer Beziehungsfähigkeit leisten kann: "Die Loving Kindness-Meditation beispielsweise ist eine Möglichkeit, Akzeptanz und Wohlwollen für uns selbst und für unsere Mit-Lebewesen zu kultivieren, indem die Empfindung liebevoller Güte bewusst hervorgerufen und wahrgenommen wird (z.B. durch innerlich gesprochene Mantras wie 'Mögest Du glücklich sein'). Gerade die gezielte meditations-basierte Förderung von Mitgefühl kommt unserem sozialen Miteinander zugute. Denn Verständnis und grundsätzliches Wohlwollen gegenüber unseren Mit-Lebewesen erhöhen unsere Bereitschaft, diesen großzügig, hilfsbereit und kooperativ zu begegnen."



Leben ist Lauschen
Eine kleine Einführung in die Zen-Meditation

Dr. med. Dr. phil. Friederike Boissevain
Hämato-Onkologin, Palliativmedizinerin, Geschäftsführerin Hospiz im Wohld gGmbH, Soto-Zen-Priesterin 


Vom Gewahrsein zum Engagement 
SEE Learning – soziale, emotionale und ethische Kompetenzen entfalten 

Dr. sc. hum. Corina Aguilar-Raab
Institut für Medizinische Psychologie, Universitätsklinikum Heidelberg, SEE Learning Deutschland und Österreich 

»Die gezielte meditations-basierte Förderung von Mitgefühl kommt unserem sozialen Miteinander zugute.«

Anne Böckler-Raettig

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Soziales Verstehen kultivieren
Wie Meditation prosoziales Verhalten steigern kann

Prof. Dr. Anne Böckler-Raettig
Institut für Psychologie, Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover

Es wird immer offensichtlicher, dass die kulturelle Transformation, die viele herbeisehnen, ein Prozess ist, in den wir hineinwachsen können. Womöglich müssen wir wieder lernen zu erkennen, was wirklich wesentlich ist - jenseits funktionaler Reflexe, die dem gewohnten Nützlichkeitsdenken folgen. Neue Programme für den Schulunterricht etwa erleichtern es der jüngeren Generation, auf natürliche Weise soziale, emotionale und ethische Kompetenzen zu entfalten. Studien mit Langzeitmeditierenden illustrieren, wie eine kontinuierliche Übung von Achtsamkeit in der Tiefe auf unser Menschsein wirkt. MBSR-Kurse erleichtern vielen Menschen einen unkomplizierten Einstieg in die Praxis. Eine Annäherung an die spirituellen Traditionen der Weltkulturen kann diesen Horizont weiten und mit dem umfassenderen Veränderungspotential von Meditation in Berührung bringen. Neugier und Nichtwissen als Qualitäten des meditativen Loslassens sind immer ein Wagnis, doch eröffnen sie womöglich auch eine gänzlich neue Lebenskunst. 


Der große Hype

Was bringt Achtsamkeit im Business?

In Balance bleiben im Home Office zwischen Zoom-Konferenzen und Kinderbetreuung? Nicht die Nerven verlieren in Wochen des Lockdowns? In der Pandemie wurde Achtsamkeit von vielen Medien geradezu als Geheimwaffe gepriesen. Und auch immer mehr Unternehmen springen auf diesen Zug auf, denn das Versprechen von konzentrierteren, kreativeren und dabei auch noch gesünderen Beschäftigten ist einfach zu verführerisch. Aber wie tragfähig ist dieser Hype wirklich?  Dass Meditieren in Business-Kontexten bedeutsam ist, würden sicherlich viele Arbeitgeber unterschreiben. Denn die Forschung zeigt ja, dass Menschen mit einer gewissen Übungspraxis konzentrierter sind, sich weniger ablenken lassen und auch oft gesünder sind, weil sie nicht so leicht negativ auf Stress reagieren. Hier liegt allerdings auch eine Gefahr, denn diese Wirkungen verleiten leicht dazu, Achtsamkeit funktionalisieren zu wollen. Dann führt ein Unternehmen vielleicht lieber Meditationskurse ein anstatt sich so zu strukturieren, dass die Beschäftigten möglichst gar nicht erst ausgelaugt werden.


Digitale Erleuchtung
Was Meditations-Apps und Online-Programme zu Achtsamkeit bewirken können

Dr. rer. oek. Maren M. Michaelsen
Fakultät für Gesundheit, Institut für Integrative Gesundheitsversorgung und Gesundheitsförderung, Universität Witten/Herdecke


Transformation im Business 
Von Achtsamkeit über Resilienz zum Kulturwandel

Chris Tamdjidi
Co-Geschäftsführer und Co-Gründer der awaris GmbH 

Ein Spannungsfeld, in dem sich Meditation im Business bewegt, ist sicherlich die Verführung, Achtsamkeit als Wundermittel zu betrachten. Interessant wird es, wenn in Firmen nicht einfach nur Achtsamkeit unterrichtet wird, sondern man diese Methoden mit ganz konkreten Arbeitskontexten, beispielsweise Kommunikation und Führung, verbindet. Das gibt Teilnehmenden die Möglichkeit, nach einem solchen Kurs nicht einfach das, was sie schon zuvor getan haben, ein bisschen effizienter zu machen. Sie können in der gemeinsamen Reflektion auch nach neuen Wegen suchen, ihr Führungsverhalten zu verändern, vielleicht sogar anders auf die Unternehmensausrichtung insgesamt einzuwirken. Wie weitreichend das sein kann, lässt sich natürlich nicht sagen. Aber es sind Schritte in Richtung von mehr Entfaltung über bereits gegebene Rahmenbedingungen hinaus.


Vom Ego-System zum Eco-System
Lebens- und Arbeitswelten ko-kreativ gestalten

Dr. C. Otto Scharmer
Senior Lecturer am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und Mitbegründer des Presencing Institute

In Otto Scharmers in der Business-Welt sehr verbreitete Presencing spielt Achtsamkeit als Fähigkeit loszulassen, sich offen und unvoreingenommen gemeinsam in neue Lösungen hineinzubewegen, eine wesentliche Rolle. Auch Presencing steht in dieser Spannung zum Wunsch nach Lösungen, denn es lebt ja gerade davon, sich von allen Erwartungen frei zu machen. Das ist ein ganz grundsätzliches Spannungsfeld unserer Gegenwartskultur. Wir sind es gewohnt, komplexe Zusammenhänge sehr linear zu sehen. Hier ist ein Problem, wo ist die Lösung dafür? Im Business wird viel davon gesprochen, dass wir mehr Agilität brauchen und Emergenz die Antwort auf Komplexität ist. Viele machen sich aber gar nicht bewusst, was Emergenz wirklich bedeutet, nämlich letztlich das Loslassen aller Gewissheiten! Diese Fähigkeit wirklich zu kultivieren, braucht einiges, vor allem auch Zeit.

Die Komplexität des Lebens fragt nach Weisheit

Warum wir mehr freien Raum im Denken und Handeln brauchen

Wir leben in einer Zeit der Polarisierungen. Betrachtet man die verhärteten Fronten im Umgang mit der Pandemie oder auch die divergierenden Meinungen zur Bewältigung der Klimakrise, wird deutlich: Die Zahl der unterschiedlichen Perspektiven scheint so groß zu sein wie die Ratlosigkeit, die sich hinter vielen markanten Statements verbirgt. Wo viele wissenschaftliche Befunde sich widersprechen und die Probleme, mit denen wir konfrontiert sind, sich allein rationalen Erwägungen zu entziehen scheinen, braucht es vielleicht weitere Dimensionen der Reflektion. Für den Philosophen und Moderator Gert Scobel steht hier die Frage nach Weisheit im Raum. Er sagt: »Ich glaube, Weisheit hat nichts zu tun mit Problemen, die sich mathematisch-naturwissenschaftlich lösen lassen, sondern sie bezieht sich auf Probleme, die meine Lebensführung, meine Lebensgestaltung und das Leben anderer Menschen betreffen. Es geht also um Probleme, die in Systemen auftreten, die sehr viele unterschiedliche Aspekte, Elemente und Faktoren haben, die miteinander wechselwirken. Weisheit hat entscheidend mit der Schwierigkeit zu tun, in einer komplexen Wirklichkeit gut und gemeinsam zu leben.«


Weisheit ist Transformation 
Über die Praxis der radikalen Mitte

Prof. Gert Scobel
Professor für Philosophie und Interdisziplinarität, Hochschule Bonn-Rhein-Sieg sowie Redaktionsleiter scobel, 3sat 


Die Dosis macht den Unterschied
Wie Meditation bei Langzeitmeditierenden wirkt

Prof. Dr. Stefan Schmidt
Stiftungsprofessur für Systemische Familientherapie, Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Universitätsklinikum Freiburg 

Musikalische Intermezzi

von Claus Rückbeil, Bansuri-Spieler (indische Querflöte), Jazzgitarrist und musikalischer Leiter der Jazzschule Berlin

Womöglich versuchen wir in der heutigen Zeit zu schnell und leichtfertig, mit dem Brustton der Überzeugung die nächste Lösung zu proklamieren. Vielleicht sollten wir zuerst einmal darüber sprechen, wie wir gemeinsam zu neuen Prozessen der Verständigung kommen. Gert Scobel spricht beispielsweise davon, die »radikale Mitte« aufzusuchen und zu beleben als einen Ort, der zwischen verschiedenen Polen und Positionen einen Raum freilegt, in dem man einander begegnen kann. Eine solche Praxis könnte zu einem wesentlichen Moment von Transformation werden.


Meditation als Praxis von Wagnis und Verzicht
Lebenskunst und Gesellschaft

Prof. em. Dr. Michael von Brück
Interfakultärer Studiengang Religionswissenschaft, Ludwig-Maximilians-Universität München


Unverfügbarkeit und Responsivität
Lebendigkeit als Erfahrung eines existenziellen Berührtwerdens


Prof. Dr. Hartmut Rosa
Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie, Friedrich-Schiller-Universität Jena, Direktor des Max-Weber-Kollegs in Erfurt

Meditation vermag die Vorstellungen von dem, was wir sind, tiefgreifend zu verändern. Doch führen die mit ihr verbundenen Prozesse der inneren Wandlung nicht automatisch auch zu mehr zwischenmenschlicher Beziehungsfähigkeit. Der Soziologe Hartmut Rosa etwa hat wiederholt darauf hingewiesen, dass Achtsamkeit auch neue Formen der Selbstbezogenheit hervorbringen kann. Das, was spirituelle Traditionen beispielsweise Leere nennen, Hartmut Rosa spricht von der »prinzipiellen Unverfügbarkeit«, kann als »konstitutiv für gelingendes Leben und als Ausgangspunkt für die Entstehung des Neuen« betrachtet werden. Wir müssen niemand besonderes sein oder gar versuchen, das Leben zu kontrollieren. Vielleicht besteht unsere menschliche Souveränität gerade darin, im Loslassen uns viel freier auf alles beziehen zu können, was uns anfragt.

Die Zukunft fragt uns alle an

An der Schwelle zu nachhaltiger kultureller Transformation?

Wie viel Meditation zu bewirken vermag in einer Zeit, in der die Welt mehr und mehr aus den Fugen gerät, haben wir während der Pandemie erfahren. Verschiedene Studien zeigen, dass Menschen, die sich in Achtsamkeit üben, den Herausforderungen der vergangenen zwei Jahre resilienter begegnen konnten. Nun, am Übergang in eine neue Zeit, stehen wir gesellschaftlich auch vor der Frage, wie wir unser Zusammenleben so gestalten können, dass brüchig gewordene Beziehungen wieder heilen und das soziale Miteinander gestärkt wird. Gleichzeitig deutet unsere ökonomische und ökologische Situation darauf, dass wir wach und bewusst zu nachhaltigeren Lebensformen finden sollten, wenn wir als Spezies Bestand haben wollen auf diesem Planeten. Die Zukunft fragt uns alle an!


Blick nach vorne - Science Slam
Nachwuchswissenschaftler geben Einblicke in aktuelle Forschungsprojekte zu Meditation und Achtsamkeit

Moderation: Prof. Dr. Dr. phil. Harald Walach

Besseres Morgen?
Deutschlands Zukunft zwischen Frust und Optimismus

Stephan Grünewald
rheingold institut Köln


Die Zukunft der Meditation
Vom persönlichen Wohlfühlen zur kulturellen Transformation

Mitwirkende:
Liane Stephan, Co-Geschäftsführerin und Co-Gründerin der awaris GmbH
Dr. Sonja Geiger, Wissenschaftliche Mitarbeiterin Justus-Liebig-Universität Gießen
Dr. Ulrich Ott, Psychologe und Meditations-Forscher, Bender Institute of Neuroimaging, Justus-Liebig-Universität Gießen

Moderation:
Dr. Thomas Steininger, Philosoph, Herausgeber evolve – Magazin für Bewusstsein und Kultur

Ausgewählte Buch-Tipps zu den Themen des Kongresses

Awaris Boissevain Boeckler-Raettig Brunnhuber Esch Geissler Gruenewald Jacob Schmidt Platsch Poraj Rosa Scharmer Scobel TAO von Brueck Walach