Veranstaltungsort: Langenbeck-Virchow-Haus, Luisenstr. 58/59, 10117 Berlin

Programm

Der Kongress wurde bei der Ärztekammer Berlin akkreditiert und mit 6 Punkten für die ärztliche Weiterbildung zertifiziert.

FREITAG, 1. April 2022

13.15 Uhr: Check-in

Moderation des Tages: N.N.

14 Uhr: Begrüßung durch die Veranstalter


Dr. Ulrich Freiesleben, Identity Foundation

Dr. Cai Werntgen, Udo Keller Stiftung Forum Humanum

Dr. Alexander Poraj, West-Östliche Weisheit Willigis Jäger Stiftung

14.20 Uhr: Impuls

Mehr Nichts! Warum wir weniger vom Mehr brauchen
Begrüßung durch den wissenschaftlichen Beirat / Einführung in das Tagungsthema

Prof. Dr. med. Tobias Esch

Neurowissenschaftler, Gesundheitsforscher und Allgemeinmediziner, Gründer der Universitätsambulanz für Integrative Gesundheitsversorgung und Naturheilkunde und Leiter des Instituts für Integrative Gesundheitsversorgung und Gesundheitsförderung an der Universität Witten/Herdecke

Unsere Gesellschaft steckt in einer Krise von Überangebot und Beschleunigung. Nach Corona wird dieses sinnentleerte Streben nach Mehr nun kollektiv infrage gestellt: Wir müssen von haltlosem Konsum und (Selbst-)Ausbeutung wegkommen, zurückfinden zur Reduktion auf eine befreiende „Leere“. Im Mittelpunkt der Debatte steht die Medizin. Analoge Befunde – das Paradoxon von beobachtbarem Mehr und benötigtem Weniger – finden sich jedoch in wesentlichen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens: in Glauben und Achtsamkeit, Politik, Klima, Ökologie und Ökonomie.

14.50 Uhr: Musikalisches Intermezzo

Claus Rückbeil

Bansuri-Spieler (indische Querflöte), Jazzgitarrist und musikalischer Leiter der Jazzschule Berlin

15 Uhr: Vortrag

Selbst- und Welt-Modelle der Achtsamkeitsbewegung
Zwischen Selbstermächtigung und politischer Sprachlosigkeit

Dr. Jacob Schmidt

Kollegiat des Graduiertenkollegs „Modell Romantik“ an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Mitarbeiter Bündnis 90/Die Grünen im Brandenburger Landtag

Der Aufschwung der »Achtsamkeit« in den letzten 50 Jahren wurde getragen von blühenden Verheißungen – und begleitet von beißender Kritik. Diese Spannung begründet sich, so meine These, in den Selbst- und Welt-Bildern der Achtsamkeit, die zwischen einer Selbstermächtigung des überforderten spätmodernen Individuums und einer politischen Sprachlosigkeit changieren. Vorrangig am Beispiel des populären Protagonisten der Achtsamkeit, Jon Kabat-Zinn, werde ich diese Perspektive im Vortrag entfalten.

15.30 Uhr: Vortrag

Digitale Erleuchtung
Was Meditations-Apps und Online-Programme zu Achtsamkeit bewirken können

Dr. rer. oek. Maren M. Michaelsen

Fakultät für Gesundheit, Institut für Integrative Gesundheitsversorgung und Gesundheitsförderung, Universität Witten/Herdecke

Digitale Achtsamkeitsangebote per App oder Online-Seminar nehmen rasant zu. Viele Formate wurden in wissenschaftlichen Studien mit unterschiedlichen Zielgruppen wie verschiedenen Berufsgruppen oder Patient:innen getestet und zeigen deutliche Wirkungen auf psychische, physische und physiologische Parameter. Was macht digitale Angebote besonders wirksam, und wo liegen ihre Tücken?

16 Uhr: Kaffeepause

16.30 Uhr: Vortrag

Vom Ego-System zum Eco-System
Lebens- und Arbeitswelten ko-kreativ gestalten

Dr. C. Otto Scharmer

Senior Lecturer am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und Mitbegründer des Presencing Institute

(Teilnahme via Video-Konferenz-Schaltung)

Unsere Lebens- und Arbeitswelten sind von Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität geprägt. Und aus den Erfahrungen von gestern können wir nur bedingt für morgen lernen. Zukunftsfähigkeit zu entwickeln bedeutet heute insbesondere, den Schritt vom Ego-System zum Eco-System zu vollziehen, zu lernen, wie wir zu gemeinsamen Absichten finden und diese ko-kreativ in die Welt bringen. Es geht darum, neue Fähigkeiten der Wahrnehmung zu kultivieren und diese gemeinsam zu erproben. Im bewussten Nichtwissen, wertschätzendem und schöpferischem Zuhören sowie durch die Kraft von Präsenz und Stille kann uns die Zukunft als Möglichkeit entgegenkommen. Achtsamkeit ist dabei eine wesentliche Grundlage für diese Gestaltungsprozesse.

17.15 Uhr: Vortrag

Transformation im Business 
Von Achtsamkeit über Resilienz zum Kulturwandel 

Chris Tamdjidi 

Co-Geschäftsführer und Co-Gründer der awaris GmbH 

Das neue Arbeiten erfordert neue Fähigkeiten. Aber vor allem wenn der Stresspegel hoch ist, sind wir oft nicht in der Lage, wirklich frisch zu sehen, anders zu denken oder bewusst zu handeln. Aber alle diese drei Aspekte sind erforderlich, um unser Gehirn und Verhalten wirklich nachhaltig zu verändern. Achtsamkeit und Resilienz zu kultivieren, führt zu messbaren Reduzierungen bei Stress und zu Verbesserungen in mentaler Agilität, Offenheit für Veränderung und im Hinblick auf gesundes Verhalten. Das Antrainieren eines neuen bewussten Verhaltens und eine gesunde Balance zwischen Anspannung und Entspannung sind somit die notwendige und realistische Basis für Veränderung. 

17.45 Uhr: Vortrag

Vom Gewahrsein zum Engagement 
SEE Learning – soziale, emotionale und ethische Kompetenzen entfalten 

Dr. sc. hum. Corina Aguilar-Raab 

Institut für Medizinische Psychologie, Universitätsklinikum Heidelberg, SEE Learning Deutschland und Österreich 

(Foto: Rui Camillo)

Wie ist es möglich, dass Menschen im Einklang mit ihren Werten handeln, in Kontakt mit sich und in Begegnung mit anderen sind und die Komplexität sowie Vielfalt des Lebens auf verschiedenen Ebenen in Betracht ziehen, wenn es darum geht, abzuwägen, Entscheidungen zu treffen, Schaden zu begrenzen und kreativ Potentiale zur Entfaltung zu bringen? Das SEE Learning Bildungsprogramm adressiert in seinem Rahmenkonzept soziale, emotionale und ethische Aspekte der Persönlichkeitsentwicklung. Es begleitet Menschen unterschiedlicher Altersstufen darin, Gewahrsein, Mitgefühl und Engagement zu kultivieren. Tragende Säule ist die mitgefühlsbasierte Ethik, die auf menschlichen, kulturübergreifenden Werten beruht. Die Schulung von Herz und Verstand - bei der es um erfahrungsbasiertes Lernen geht - kann dazu beitragen, nachhaltige Gestaltungsprozesse in sozialen, ökologischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Bereichen anzustoßen, die wichtiger sind denn je! Der Vortrag bietet einen Überblick und ersten Einstieg in das Rahmenkonzept und in wichtige Grundaspekte des SEE Learning Programms, welches am Center for Contemplative Science and Compassion-based Ethics, CCSCBE, der Emory Universität, USA, entwickelt wurde. Dr. Corina Aguilar-Raab vertritt das SEE Learning Programm im deutschsprachigen Raum zusammen mit Silvia Wiesmann (SEE Learning Schweiz), im Namen des Tibethaus Deutschland e.V.

18.15 Uhr: Vortrag

Die Dosis macht den Unterschied 
Wie Meditation bei Langzeitmeditierenden wirkt 

Prof. Dr. Stefan Schmidt

Stiftungsprofessur für Systemische Familientherapie, Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Universitätsklinikum Freiburg 

Die Meditations- und Achtsamkeitsübungen werden immer kürzer, schon wenige Sekunden täglich sollen genügen. Wie sieht es aber wirklich mit langfristigen Effekten aus und was weiß man über Menschen, die eine jahrelange Praxis pflegen? In seinem Vortrag thematisiert Stefan Schmidt Studien zur Demenzprävention durch Meditation, zu besonderen Bewusstseinszuständen bei Langzeitmeditierenden und zeigt, dass Expert*innen in Meditation durch einen stabilen introspektiven Zugang zu ihrer Innenwelt der Forschung neue Einsichten bieten können.

18.45 Uhr: kurze Pause

19 Uhr: Musikalisches Intermezzo

19.10 Uhr: Vortrag

Weisheit ist Transformation 
Über die Praxis der radikalen Mitte

Prof. Gert Scobel 

Professor für Philosophie und Interdisziplinarität, Hochschule Bonn-Rhein-Sieg sowie Redaktionsleiter scobel, 3sat 

Weisheit spielt, ebenso wie Barmherzigkeit, eine gleichberechtigte und zentrale Rolle in den maßgeblichen Texten der buddhistischen Tradition. Während Weisheit mit der Bewältigung existentiell problematischer Situationen in einer komplexen Wirklichkeit zu tun hat, die es nachhaltig zu bewältigen gilt, ist Barmherzigkeit eine auf Gemeinschaft, Freundlichkeit und Hilfe ausgelegte Praxis, die dadurch, dass sie Weisheit in Wirklichkeit übersetzt, zu deren Transformation beiträgt. Eine der Thesen meines Vortrages ist, dass sich aus der Perspektive gegenwärtiger Forschung und Problemlagen die Jahrtausende alten Konzepte „Weisheit“ und „Barmherzigkeit“ (prajna und karuna) in moderne Denk- und Handlungsmuster übersetzen lassen, die sowohl den Anforderungen der Gegenwart wie den Maßstäben heutiger Empirie und Wissenschaften gerecht werden. Darüber hinaus lässt sich zeigen, dass das, was „Weisheit“ genannt wird, nicht nur im Buddhismus mit unterschiedlichen Formen der „Kultivierung von Bewusstsein“ verbunden ist. Wird ein „Weisheitsbewusstsein“ entwickelt, so lässt sich Weisheit über kontinuierliche Übung und eine „Praxis der radikalen Mitte“ im Alltag realisieren. Auf diese Weise ist Weisheit bereits Teil der Transformation, derer wir so dringend bedürfen, um drängende Probleme unserer Zeit zu lösen.

19.50 Uhr: Mindfulness Lab

Offene Dialoge mit Beitragenden des Kongresses - Ausklang des Programms mit Wein und Knabbereien

ThemaBeitragende/r
SEE Learning – soziale, emotionale und ethische Kompetenzen entfaltenDr. sc. hum. Corina Aguilar-Raab
Krank oder gesund? Woran wir leiden und was uns gesunden lassen könnteDr. med. Friederike Boissevain
Meditation als Praxis von Wagnis und VerzichtProf. em. Dr. Michael von Brück
Warum wir weniger vom Mehr brauchenProf. Dr. med. Tobias Esch
Entschleunigung – Strukturelle oder individuelle HerausforderungDr. Sonja Geiger
Digitale ErleuchtungProf. Dr. med. Angela Geissler
Was Meditations-Apps und Online-Programme zu Achtsamkeit bewirken könnenDr. rer. oek. Maren M. Michaelsen
Caring & Healing – Entwicklung einer heilsamen PersönlichkeitDr. med. Klaus-Dieter Platsch
Warum Zen keine Selbstverbesserungsstrategie istDr. Alexander Poraj
Selbst- und Welt-Modelle der AchtsamkeitsbewegungDr. Jacob Schmidt
Wie Meditation bei Langzeitmeditierenden wirktProf. Dr. Stefan Schmidt
Praxis der radikalen MitteProf. Gert Scobel
We-Space als Praxis kollektiver AchtsamkeitDr. Thomas Steininger
Climate LeadershipLiane Stephan
Transformation im BusinessChris Tamdjidi
Achtsamkeit: buddhistisch, christlich, säkular?Prof. Dr. Dr. phil. Harald Walach

20.30 Uhr: Ende des Kongresstages

SAMSTAG, 2. April 2022

8 Uhr: Check-in

8.30 Uhr: Begrüßung / Musikalisches Intermezzo

Moderation des Tages:
Prof. Dr. med. Angela Geissler

Chefärztin, Robert-Bosch-Krankenhaus Stuttgart, Zen-Meditationslehrerin

8.40 Uhr: Science Slam

Nachwuchswissenschaftler geben Einblicke in aktuelle Forschungsprojekte zu Meditation und Achtsamkeit

Anton Abbattista, B.Sc. 

Deutsche Hochschule für Gesundheit und Sport 

Stressreduktion durch Achtsamkeit beim Bergwandern
auf Basis der Longitudinalstudie „Stressreduktion durch Bergwandern“


MA Vera Borrmann

Universität Freiburg 

Emotion, Empathie und Kreativität in der Mensch-Maschine-Interaktion?

Ian W. Listopad

Universität Witten/Hedecke, Institut für Integrative Gesundheitsversorgung und Gesundheitsförderung 

Burnout: Bin ich hier richtig oder bin ich schon krank?
Erweiterung des bio-psycho-sozialen Modells um Spiritualität und Kultur auf Basis des Burnouts bei Berufstätigen

Alyssa Torske

Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München & The Graduate School of Systemic Neurosciences der Ludwig Maximilians Universität 

Der Einfluss von Achtsamkeitstraining auf das Essverhalten
Die Effektivität von Achtsamkeitstraining als Interventionsstrategie für Stress-assoziierte Fehlernährung

Dr. rer. nat. Johannes Graser


Dipl.-Psych., Psychologischer Psychotherapeut, Verhaltenstherapie, Universität Witten/Herdecke, Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie II 

Compassion Focused Therapy (CFT) bei Menschen mit Intelligenzminderung und psychischen Störungen
 

M.Sc. Johannes Fendel

Wirtschaftspsychologie, Institut für Psychologie Universität Freiburg in Kooperation mit der Sektion Systemische Gesundheitsforschung, Universitätsklinikum Freiburg 

Achtsamkeitsbasierte Interventionen zur Reduktion von Burnout und Stress bei Ärzt*innen
Eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse

Moderation: Prof. Dr. Dr. phil. Harald Walach

Professor für Forschungsmethodik an der Medizinischen Universität Poznan, Polen und Gastprofessor für philosophische Grundlagen der Psychologie an der Universität Witten-Herdecke

(Foto: Anja Jahn, anjajahn.com)

9.30 Uhr: Meditation

Leben ist Lauschen
Eine kleine Einführung in die Zen-Meditation

Dr. med. Dr. phil. Friederike Boissevain

Hämato-Onkologin, Palliativmedizinerin, Geschäftsführerin Hospiz im Wohld gGmbH, Soto-Zen-Priesterin 

Unsere Erfahrungswelt wird durch all das erschaffen, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten. Diese wird durch das gelenkt, was ich für mich selbst gerne möchte oder nicht. Das ist verständlich und keinesfalls verwerflich. Nur kann diese Haltung auch eines hervorbringen: Wir werden (mehr) leiden. Meditation wird dieses Dilemma nicht lösen. Aber sie vermag es, uns erfahren zu lassen, wie es sein kann, dem Fluss des Lebens vertrauensvoll zu folgen, wobei unser Ich gelegentlich am Ufer zurückbleibt. Hiermit bietet sie uns eine heilsame wie dringliche Alternative an: so zu leben, wie ich es mir von tiefstem Herzen wünsche – für mich und für alle, die mit mir sind.

10 Uhr: Vortrag

Bewusstsein für das, was wesentlich ist
Die Notwendigkeit gesellschaftlicher Transformation

Prof. Dr. Dr. Stefan Brunnhuber

Chefarzt und ärztlicher Direktor am Fachkrankenhaus Zschadraß der Diakonie Kliniken Zschadraß, Mitglied der Lancet COVID-19 Commission „Green Recovery“

Religiöse Überzeugungen und ihre Auswirkungen auf Gesellschaft und Wissenschaft gehören zu den am meisten übersehenen Themen der Neuzeit. Der gegenwärtige inter-religiöse Dialog wird dominiert von historischen Analysen, theologischen Interpretationen von Texten (Exegese) und Streitigkeiten über die institutionellen und organisatorischen Strukturen über Kompetenzen, Macht, Einfluss und Hierarchie. Der gemeinsame Nenner des Glaubens ergibt sich jedoch nicht nur aus dem rationalen diskursiven Dialog der Textinterpretation (wie der Bibel oder anderen heiligen Büchern), noch aus Streitigkeiten über organisatorische und institutionelle Aspekte. Der gemeinsame Nenner findet sich auch nicht im humanitären Engagement, da alle Religionen dies mit den meisten säkularen NGOs teilen. Es ist vielmehr die jeweilige mystische Tradition, die die Differentia Specifica jeder Weltreligion bestimmt. Empirische Befunde (unter anderem Fasten, Mantras, Achtsamkeit und Überwindung von Ich-Zuständen) aus den Bereichen Neurobiologie, Entwicklungspsychologie und Medizin stützen die These, dass Mystik und Wissenschaft zusammen gehen können und so einen wesentlichen Beitrag sowohl für unser gesellschaftliches Zusammenleben als auch für die persönlichen Individuation leisten können.

10.40 Uhr: Kaffeepause

11.10 Uhr: Vortrag

Soziales Verstehen kultivieren
Wie Meditation prosoziales Verhalten steigern kann

Prof. Dr. Anne Böckler-Raettig

Institut für Psychologie, Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover

In einer zunehmend vernetzten und bevölkerten Welt sind alle auf Hilfsbereitschaft und Kooperation angewiesen. Aber kann man solch prosoziales Verhalten gezielt fördern? In einer großangelegten Längsschnittstudie haben wir den Einfluss spezifischer meditations-basierter Trainings auf verschiedene Facetten von sozialem Verstehen (Empathie, Perspektivübernahme) und Prosozialität untersucht. Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich besonders das Training von sozialem Affekt, beispielsweise Mitgefühl, positiv auf altruistisch motiviertes Verhalten auswirkt.

11.40 Uhr: Vortrag

Achtsamkeit, Krisenbewältigung und Moral
Umgang mit existenziellen Herausforderungen

Prof. Dr. Myriam N. Bechtoldt

Diplom-Psychologin, Professorin für Leadership, EBS Universität für Wirtschaft und Recht, Oestrich-Winkel

Die Covid-Pandemie hat in beispielloser Weise zu einem temporären Verlust persönlicher Freiheit geführt. Wir haben während des ersten Lockdowns 93 Personen mehrfach befragt, wie sie mit dieser Belastung zurechtgekommen sind. Zentrales Ergebnis ist, dass Personen mit höherer Ausprägung in dispositioneller Achtsamkeit die Krise besser bewältigt haben. Sie berichteten über höheres Wohlbefinden und konnten der Krise signifikant mehr positive Aspekte abgewinnen als Personen mit niedriger Ausprägung in dispositioneller Achtsamkeit. Außerdem dachten sie häufiger über mögliche Problemlösungen nach, reflektierten ihre emotionalen Reaktionen und neigten weniger zu Konfliktvermeidung oder dazu, anderen Vorwürfe zu machen. Gesellschaftliche Krisen entstehen jedoch nicht allein durch exogene Schocks wie einen Virus; Skandale wie um Wirecard zeigen, dass auch die Selbstbereicherung einzelner gesamtgesellschaftlichen Schaden verursachen kann. In einem Laborexperiment mit 395 Teilnehmern analysierten wir deshalb, ob Achtsamkeit auch bei der Krisen-Prävention hilft, indem sie moralisches Handeln unterstützt. Im Anschluss an eine 10-minütige Meditation erhielten die Teilnehmer bei einer Gruppenaufgabe die Möglichkeit zu betrügen, um ihren Gewinn zu erhöhen. Neben dem Einfluss der gemessenen dispositionellen Gerechtigkeitssensibilität verringerte sich bei allen Personen die Tendenz zu betrügen in Abhängigkeit von ihrer momentanen Achtsamkeit: je höher die Achtsamkeit, umso niedriger die Tendenz zu betrügen. Die Ergebnisse zeigen, dass Achtsamkeit auch moralisches Handeln unterstützt.

12.10 Uhr: Q&A mit den Beitragenden des Vormittags / Meditation

12.35 Uhr: Exploration Lab / Mittagspause

Treffen Sie sich mit Gleichgesinnten zum persönlichen Austausch über Themen, die Sie bewegen

Während der Mittagspause haben Sie die Möglichkeit, sich an von uns vorbereiteten Thementischen mit interessierten Teilnehmenden des Kongresses zum fachlichen Austausch zu treffen.

Unsere Themen:
Business - Therapie und Medizin - Spiritualität - Praxis & Alltag - Bildung, Schule & Universitäten - Wissenschaft & Forschung - Netzwerkbildung - Neurowissenschaften & Meditationspraxis


Sollten Sie sich weitere Themen wünschen, schicken Sie uns gerne Vorschläge.

13.50 Uhr: Musikalisches Intermezzo

14 Uhr: Vortrag

Besseres Morgen?
Deutschlands Zukunft zwischen Frust und Optimismus

Stephan Grünewald

rheingold institut Köln

Sobald die tiefenpsychologische Studie zu den Zukunftsperspektiven der deutschen Bevölkerung abgeschlossen ist, folgen hier weitere Informationen zum Vortrag.

14.30 Uhr: Vortrag

Meditation als Praxis von Wagnis und Verzicht
Lebenskunst und Gesellschaft

Prof. em. Dr. Michael von Brück

Interfakultärer Studiengang Religionswissenschaft, Ludwig-Maximilians-Universität München

Meditation intensiviert die Wahrnehmung, so dass Zusammenhänge und wechselseitige Abhängigkeiten erlebbar werden, Kreativität gefördert und der Mut zur Transformation in der Lebenspraxis gestärkt wird. Dies ist Voraussetzung für die Entdeckung von Qualität im sinnlichen Erleben, im mentalen Spiel und in der Gestaltung des Alltags, individuell wie in kollektiven Bezügen. Eine erfüllte Lebenskunst findet das Maß zwischen Wagnis und Verzicht: Im Wagnis steckt Grenzüberschreitung, auch Risiko. Wagnis ist immer auch Abenteuer, es bedeutet, gegen den Strom zu schwimmen und alte Gewohnheiten des Denkens, Fühlens, Bewertens und Lebens abzustreifen. Verzicht kann eine kluge Selbstbeschränkung sein und einen Gewinn an Lebensqualität bedeuten, wenn dadurch intensivere Konzentration möglich wird. Gibt es eine Pädagogik solcher Lebenskunst? Kann Meditationspraxis ein Schlüssel für dieselbe sein? Wird eine Pädagogik der Meditation Grundlagen schaffen, damit moderne Industriegesellschaften den Qualitätssprung in eine nachhaltige Lebensweise erreichen?

15.10 Uhr: Talk

Die Zukunft der Meditation
Vom persönlichen Wohlfühlen zur kulturellen Transformation
Die Popularität von Achtsamkeit hat durch die Pandemie weiteren Aufwind erfahren, denn Meditation erwies sich in Zeiten der Herausforderung als starke Resilienz-Strategie. Es ist eine Wirksamkeit, die weit über das persönliche Wohlbefinden hinausdeutet, das sich durch Achtsamkeit etablieren lässt. Denn diese globale Krise zeigt auch, wie sehr unser kulturelles und gesellschaftliches Zusammenleben weltweit eines grundlegenden Wandels bedarf. Was können wir beispielsweise von Achtsamkeit erwarten, wenn wir uns Meta-Krisen wie dem Klimawandel zuwenden? Braucht es hier vielleicht einen „Inner Climate Change“? Liane Stephan von Awaris geht dieser Frage bereits mit Mitgliedern der EU-Kommission nach. Und wie steht es um unser Verständnis von Heilung? Ist Meditation mehr als eine bekömmliche Medizin in ausgewählten Therapiekontexten? Kann sie vielleicht sogar den Weg ebnen für eine neue Medizin-Kultur? Der von Klaus-Dieter Platsch begründete Studiengang „Caring and Healing“ ist eine Best practice, die ein neues Verständnis von Gesundheit und Krankheit eröffnet. Und wie steht es um unsere persönliche Lebensgestaltung? Kann Achtsamkeit dazu beitragen, dass wir nachhaltiger konsumieren, umweltbewusster leben und Wesentliches nicht nur im Materiellen suchen? Sonja Geiger ist hier Optimistin, weiß aber durch ihre Forschungen zu Zeitwohlstand und nachhaltigen Lebensstilen auch, dass Achtsamkeit kein Selbstläufer ist, wenn es darum geht, unsere psychischen Dispositionen in der Tiefe zu transformieren. 

Mitwirkende:

Liane Stephan

Co-Geschäftsführerin und Co-Gründerin der awaris GmbH

Dr. med. Klaus-Dieter Platsch

Begründer des medizinischen Begleitstudiums „Caring and Healing“ für Medizinstudierende

Dr. Sonja Geiger

Wissenschaftliche Mitarbeiterin Justus-Liebig-Universität Gießen

Moderation:

Dr. Thomas Steininger


Philosoph, Herausgeber evolve – Magazin für Bewusstsein und Kultur

15.55 Uhr: kurze Pause

16.10 Uhr: Abschlussvortrag

Unverfügbarkeit und Responsivität
Lebendigkeit als Erfahrung eines existenziellen Berührtwerdens

Prof. Dr. Hartmut Rosa

Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie, Friedrich-Schiller-Universität Jena, Direktor des Max-Weber-Kollegs in Erfurt

Foto: juergen-bauer.com 

Die moderne Gesellschaft zielt ihrer institutionellen wie ihrer kulturellen Verfassung nach auf eine Steigerung und Ausweitung der Horizonte des Verfügbaren, das heißt des Wissbaren, Erreichbaren, Beherrschbaren, Nutzbaren und Kontrollierbaren. Sie ist strukturell auf eine derartige Form der Weltbeziehung angewiesen, deren motivationale Energie und Antriebskraft sie aus den kulturellen Idealen der Autonomie und der Souveränität bezieht. Diese strukturelle und kulturelle Formation führt aber zu einem ‚aggressiven‘ Weltverhältnis, das sein Versprechen nicht einlöst: Die in immer stärkerem Maße verfügbar gemachte Welt erweist sich am Ende gerade nicht als ‚domestiziert‘, sondern als bedroht und bedrohlich zugleich, und die Subjekte erfahren sich ihr gegenüber weniger als allmächtig denn als ohnmächtig. Der Vortrag untersucht demgegenüber die Möglichkeit, die Form und die Grenzen eines alternativen Weltverhältnisses, das sich als eine ‚mediopassive‘ Weltbeziehung beschreiben lässt. Diese sucht die Erfahrung von Lebendigkeit und von Selbstwirksamkeit gerade nicht in den Formen der Beherrschung und Kontrolle, sondern in einer Verbindung, welche die prinzipielle Unverfügbarkeit des Gegenübers als konstitutiv für gelingendes Leben und als Ausgangspunkt für die Entstehung des Neuen begreift. Mediopassiv meint dabei eine Welthaltung, die sich zwischen aktiv und passiv bewegt, in der sich das Subjekt nicht als Täter oder als Opfer, sondern als rezipierender und kontribuierender Beteiligter eines Geschehens begreift. Sie ist damit ebenso sehr mediopassiv wie medioaktiv. Meditation könnte dann eine Praxis sein, welche die Realisierung eines solchen mediopassiven Weltverhältnisses einzuüben versucht.

16.50 Uhr: Verabschiedung

17 Uhr: Kongressende

(Programmänderungen vorbehalten)